ES-Q&AWer leitet das Projekt?
Das Projekt wird geleitet von Benedikt Foit und Habib Lesevic. Das Projektteam besteht des weiteren aus einem Game Designer (Julien Molteni), einem Programmier (Björn Günzel), einem Web Designer (Matthieu Pons), und einem Illustrator & Grafikdesigner (Jens Ole Mayer).

Welche Rolle spielt Vic Ventures, welche ÜberLebenskunst?
Energy Streetfight ist ein Projekt von Vic Ventures. Vic Ventures ist ein unternehmerisches Kollektiv das Benedikt Foit und Habib Lesevic vor zwei Jahren gründeten und das teils aus unserer eigenen praktischen Erfahrung in der Wirtschafts- & Entwicklungswelt, teils aus unserer akademischen Arbeit als Dozenten für Entrepreneurship an der Cass Business School, City University in London entsprungen ist. Das Ethos von Vic Ventures basiert auf den Lehren der System- und Integraltheorie sowie der Sozialpsychologie und nährt von der festen Überzeugung, dass nachhaltige systemsiche Veränderungen ihren Ursprung in der Haltung und Handlung des kleinsten Subsystems, dem Individuum, finden müssen. Wir beschreiben diese aktive, experimentelle Haltung als eine unternehmerische Haltung, auch in dem Versuch, diesen wichtigen Begriff vom verengten betriebswirtschaftlichen Kontext etwas zu befreien. In diesem Sinne spielt Vic Ventures eine sehr wichtige Rolle für Energy Streetfight da es die intellektuelle Grundlage und den kritischen Rahmen für das Projekt liefert.
Bezüglich der ÜberLebenskunst: Energy Streetfight war unser Projektvorschlag zu der Pan-Europäischen Ausschreibung “Call for Future” organisiert von der ÜberLebenskunst Initiative. Diese Initiative wurde durch die Kulturstiftung des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt ins Leben gerufen. Da Energy Streetfight als eines der 14 Siegerprojekte ausgewählt wurde, durften wir die finanzielle und kreative Unterstützung der ÜberLebenskunst genießen, welche das Projekt tatsächlich erst möglich gemacht hat! Also gilt hier: ÜberLebenskunst spielt eine absolut vitale Rolle für das Projekt für die wir auch wirklich sehr dankbar sind!

Wie kam es zur Idee für das Projekt? Hat es generell mit den Zielen von Vic Ventures zu tun?
Wie bereits gesagt, ist das Projekt direkt aus dem Vic Ventures Ethos entsprungen und ist von daher auch kongruent mit den Zielen des Kollektivs. Die Idee für das Projekt kam folgendermaßen zustande: Der Call for Future forderte dazu auf, nachhaltige Visionen für die Stadt des 21. Jahrhunderts vorzuschlagen. In unseren Augen fördert unser gegenwärtiges gesellschaftliches/wirtschaftliches System eine Kultur des passiven Konsums welche ein reales Hindernis zur Nachhaltigkeit darstellt. Diese passive Konsumkultur ist vor allem im Energiebereich (und vor allem bei privaten Haushalten) sehr ausgeprägt – wer denkt schon an die systemischen Kosten einer Wohnzimmerbeleuchtung, eines laufenden Laptops, einer Hi-fi Anlage, etc.? Wird wollten also zu einer aktiveren Haltung beitragen, womit zwangsläufig auch ein verändertes Verhalten verbunden sein würde. Die Frage kam dann natürlich auf, wie wir das anstellen können. Medien- und Sensibilisierungskampagnen sind in unseren Augen wenig wirksam und tragen des weiteren zu einer passiven Haltung bei (Information über ein Problem wird vom Sender ‘produziert’ und vom Empfänger ‘konsumiert’). Legislative und wirtschaftliche Methoden und Eingriffe gibt es in diesem Bereich ja auch, und manchmal führen diese sogar zu verändertem Verhalten, allerdings ist die Motivation zu dieser Änderung eine Externe – es kommt also meistens nicht von Innen, und ist von daher unserer Meinung nach wenig nachhaltig. Dann dachten wir an Spiele: Ein Spiel zu spielen bedeutet sich freiwillig daran zu versuchen, ein unnötiges Problem zu lösen (z.B. das Runde in das Eckige). Freiwillig klang gut, die Frage war nun: kann man mit ‘Spielmechaniken’ auch wirkliche Probleme angehen? Aus diesem Gedanken wurde Energy Streetfight geboren.

Wie funktioniert der Energy Streetfight?
Im Mittelpunkt des Spiels steht eine solarbetriebene Straßeninstallation an der die Bewohner_innen der gegeneinander konkurrierenden Straßenseiten (in diesem Pilotprojekt die Stargarder Straße im Prenzlauer Berg) Zugang zu einer Piratenwelt  bekommen  in der es die Meere zu besegeln und Inseln zu erobern gilt – und zwar mehr als die Gegenseite.
Jedes Wohnhaus ist in dieser Welt als ein Piratenschiff repräsentiert dessen Matrosen durch wöchentliches Abstimmen den Kurs ihres Schiffs angeben konnten. Darüber hinaus können die Einwohner noch eine weitere Variable im Spiel direkt beinflussen: die Geschwindigkeit, mit der ihr Schiff über die Meere segelt. Diese ist durch einen, von uns entwickelten Algorithmus, direkt mit dem wöchentlichen Energieverbrauch der Matrosen verbunden – niedrigerer Energiekonsum bedeutete also mehr Rückenwind auf der Jagd nach den Inseln. Den Energieverbrauch eines jeden Matrosen erfahren wir von den Bewohnern selbst, sie geben wöchentlich mit dem Voting auch ihren neusten Zählerstand ab.
Auf die Spielewelt kann man auch Online zugreifen, allerdings ist Energy Streetfight kein reines Online Spiel: Teil des Spiels ist es sich mit den Nachbarn zu verbinden, Spartipps auszutauschen, und Spielstrategien zu besprechen – nur so kann echter Spielerfolg erreicht werden.

(Wie) Konnten die Leute motiviert werden?

Wir wollten den Spielspaß für sich sprechen lassen – also keine große Werbekampagne, kein Verkauf, keine Preise zu gewinnen, einzig und allein: wer Lust hat zu spielen darf und soll mitspielen! Da das Pilotprojekt auf nur eine Straße begrenzt war, hatten wir einige Tage vorm Spielstart Teilnahmekarten mit personalisierten Registrierungscodes in die Briefkästen verteilt und am Vorabend zum Spielstart dann ein kleines ‘Straßenfest’ mit Musik und Getränken an der Ecke wo unsere Straßeninstallation aufgestellt wurde, veranstaltet. Hier konnten Bewohner direkt mit uns über das Projekt sprechen und sich vor Ort registrieren.

Was bekommen die Sieger, was die Verlierer?
Auf dem Grillfest, welches Teil des ÜberLebenskunst Festivals am Haus der Kulturen der Welt war, stellten wir für die Gewinnerseite Rum bereit, Piraten sind nunmal Piraten. Teilen mit den Verlierern ist aber auch erlaubt. 

Was passiert nach Ende des Spiels? Wird es noch einmal stattfinden?

Hier können wir noch nicht viel zu sagen. Wir wollen erst einmal diese Runde detailliert auswerten und davon lernen, bevor wir über nächste Schritte nachdenken. Es wäre schön, wenn das Konzept sich nach diesem ersten Test ausbreiten würde. Es gab bereits ein paar Anfragen von Firmen, die sich für das Konzept interessierten und sich vorstellen könnten es weiterzuführen. Allerdings überlegen wir gerade auch, ob und wie wir die technische Infrastruktur sowie die notwendigen Anleitungen und Unterlagen allen öffnen und als Open Source Software zur Verfügung stellen können.
Wichtiger noch als die Weiterführung ist uns aber, die erarbeitete Perspektive und die Erfahrungen, die wir mit diesem Projekt machen durften, zu teilen. Ein erster Ansatz war hier der Workshop, den wir am letzten Donnerstag hielten. Wir gingen mit 65 aktiven, unternehmerisch denkenden Menschen, der Frage nach, wie Partizipation und Spiel in den unterschiedlichsten Bereichen – z.B. Gesundheit, Mobilität, interkultureller Austausch – neue Handlungsräume für die Entfaltung des Individuums eröffnen können. 

Ein Fazit?

Die Teilnehmer äußerten sich im Allgemeinen positiv, einige auch enthusiastisch zum Projekt. Die Möglichkeit als Individuum auf spielerische Weise einen Beitrag zur Energiewende zu leisten, aktiv zu werden, wurde hier als größte Bereicherungen genannt. Es gab aber auch Kritikpunkte: so war einigen Teilnehmern die Nutzeroberfläche nicht intuitiv genug gestaltet und es gab wohl auch Probleme mit dem Einloggen bzw. dem korrekten Empfang von E-Mails. Technisch versuchten wir diese Fehler aber so gut und effektiv wie möglich schon während der Spielzeit zu beheben.
Wir selbst sind über den Verlauf des Projektes und die Erfahrungen, die wir mit unserem experimentellen Ansatz sammeln konnten, sehr glücklich. Die positive Resonanz, die wir bezüglich unseres partizipativ-spielerischen Ansatz nicht nur in der Straße sondern auch auf Fachtagungen und in unserem Workshop spüren konnten, ist sehr motivierend. Sie zeigt uns, dass wir auf einem guten Weg sind, dass es hier noch mehr zu tun, zu lehren und zu lernen gibt. Wir sehen das Projekt im Sinne von Wabi-Sabi, einer aus Japan stammenden ästhetischen Perspektive aus dem 16. Jahrhundert: nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt.

Danke an Christian Wyrembek (taz) für die Fragen.

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